Konkurrenz war gestern, Kooperation ist heute

Unsere Wirtschaftsordnung stammt aus der Industrialisierung und ihre Wurzeln reichen noch viel weiter in die Vergangenheit. In den letzten Jahrzehnten veränderte sie sich durch technologische, politische und soziale Entwicklungen stärker als vorher. Auch wird sie aktuell von COVID-19 durchgerüttelt.
Wollen und können wir einfach so weitermachen wie bisher?


Konkurrenz prägt unser Wirtschaftssystem stärker als alles andere.
Friedrich Dürrenmatt1 erkannte: “In der Wirtschaft geht es nicht gnädiger zu als in der Schlacht im Teutoburger Wald.” Und schon in seinem lateinischen Ursprung “concurro” wird klar, dass der Begriff “Konkurrenz” aus einer Zeit stammt, die von Krieg und Eroberung geprägt war - “zusammenstoßen, aneinander geraten, anstürmen, angreifen”.

Gladiator

Aber, ist dies noch zeitgemäß?

Man sagt “Konkurrenz belebt das Geschäft”, doch dies trifft eher auf Wettbewerb zu.
Häufig wird Wettbewerb synonym zu Konkurrenz verwendet, doch Wettbewerb und Konkurrenz sind, vor allem in der deutsche Sprache, in wirtschaftlichem Sinne unterschiedlich konnotiert, wobei Wettbewerb als “sportlicher Vergleich” (englisch competition) und Konkurrenz als “streitend verdrängender Vergleich” (englisch rivalry) gewertet wird.

Wettbewerb hat in einem wirtschaftlichen Markt den Effekt, Ziele und Gegebenheiten zu erzeugen, die neue Ideen und Innovationen fördern und hervorbringen.
Kreative Prozesse, aus denen Neues entstehen soll, benötigen Freiheit, Sicherheit und vor allem die Abwesenheit von Druck.
Konkurrenz - im Gegensatz zu Wettbewerb - ist in diesem Sinne hingegen kontraproduktiv und führt zu Silo-Denken, Informationshoheit und verweigerter Kooperation.

Ein Beispiel hierfür sind Patente. Ursprünglich wurden sie erschaffen, damit Erfinder ihre Erkenntnisse der Allgemeinheit zur Verfügung stellen können ohne ihren wirtschaftlichen Anspruch auf die Erfindung zu verlieren. Dies sollte darauf aufbauende Weiterentwicklung ermöglichen und damit den wissenschaftlichen Fortschritt beschleunigen.
Heute werden Patentschriften so verklausuliert, dass möglichst wenig Informationen preisgegeben werden und sie werden so vage gehalten, dass sie andere vom Fortschritt abhalten (sollen).

Wirtschaftliche Konkurrenz wird sowohl in der Theorie als auch in der Beobachtung der Praxis als Verdrängung wahrgenommen. Wenn man einige Aussagen von Managern, Beratern und Wirtschaftspolitikern hört, kommt man sich vor wie auf dem Schlachtfeld:
“Bei Bedarf mit scharfer Klinge jemand aus dem Felde zu schlagen, wie ein Samurai”2 oder “Jetzt besetzen die US-Truppen ihre Verteidigungsmauern”3.

Die Zeiten ändern sich!

In der Vergangenheit hatten wir alle 40-50 Jahre Krieg – und das Land sowie die Wirtschaft musste danach immer wieder aufgebaut werden. Die wirtschaftliche Situation startete immer wieder im Mangel und schnelles Wachstum war die logische Folge. Die Nachfrage war weit höher als das Angebot und die Verflechtung von Unternehmen, Endkunden und Politik war überschaubar. Alle hatten ein Ziel.

Doch seit 75 Jahren haben wir nun Frieden und die wirtschaftlichn Ziele divergieren, die Verflechtung nimmt immer weiter zu und die Nachfrage wächst schon lange nicht mehr ungebremst. Zudem steigt, unter anderem, durch die zunehmende Globalisierung und Verflechtung der internationalen Märkte, Zusammenschluss zur EU, Wegfall des kalten Kriegs, erstarken der chinesischen Wirtschaft, politische Einflußnahme auf die Wirtschaft, die Komplexität beständig weiter an.
Wirtschaftswissenschaftler erkennen, dass Grundannahmen der Wirtschafts- und Finanztheorie ins Wanken geraten oder sogar komplett versagen und dadurch Effekte entstehen, die man mit den klassischen Modellen nicht oder nur schwer erklären kann.

Wir haben aktuell einen sehr komplexen, fast gesättigten Markt. Relevantes Wachstum kann nur noch durch Schaffung neuer Bedarfe, bzw. Umwandlung bestehender in höherwertige Bedarfe, entstehen. Dies erfordert völlig andere, neue Ansätze und Ideen.

Dave Snowden4 entwickelte 1999 ein Framework zur Entscheidungsfindung - Cynefin genannt - bei dem Probleme in vier Kategorien eingeteilt werden:

  • Bei einfachen Problemen ist Ziel und Weg dorthin bekannt.
    Diese können mit Hilfe von “Best Practices” gelöst werden.
  • Komplizierte Probleme haben ein bekanntes Ziel, es gibt aber mehrere, teils unbekannte Wege dorthin.
    Planung ist hier das Mittel zur Lösung.
  • Wenn Probleme komplex sind gibt es mehrere Ziele und Wege, die z.T. Wechselwirkungen haben.
    Hier muss iterativ vorgegangen werden: probieren, erkennen und reagieren.
  • Wenn die Probleme chaotisch sind sind sowohl Ziele als auch Wege unbekannt.
    Hier hilft nur durch handeln (mit Entschlossenheit aus der Intuition heraus), erkennen und reagieren um das Problem möglichst in ein komplexes Problem zu wandeln.

Früher waren die meisten Probleme einfach bis kompliziert.
Im heutigen Wirtschaftsleben kommen zunehmend komplexe Probleme auf, bei denen nur ein iteratives Vorgehen eine effektive Lösungsfindung ermöglicht. Die Häufigkeit dieser Problemstellungen wird stetig weiter zunehmen.
Viele Unternehmen haben sich noch nicht an diese, für Sie neue, Situation angepasst und werden jetzt gezwungen sein Ihre Handlungsweise zu ändern.

Kooperation

Kann uns Kooperation helfen?

Auch Kooperation kommt aus dem lateinischen: “cooperatio” bedeutet “Mitwirkung”. Sie ist das zweckgerichtete Zusammenwirken zweier oder mehrerer Entitäten mit gemeinschaftlichen Zielen.
Jeder bringt seine Sichtweise, Erfahrung und Expertise mit. Eine Kooperation bringt neue Ideen hervor, auf die man alleine nicht gekommen wäre und die man auch nur kooperativ umsetzen kann.

Schon Henry Ford5 sagte: “Zusammenkommen ist ein Beginn, zusammenbleiben ist ein Fortschritt, zusammenarbeiten ist ein Erfolg” und ich möchte dies in Anbetracht der aktuellen Zeit und besonders in der gegenwärtigen Lage anpassen in “Zusammenkommen ist ein Beginn, zusammenbleiben ist ein Fortschritt, zusammenarbeiten ist die Zukunft”.

Unsere Welt wird sich weiter verändern – nur weiß keiner in welcher Form. Damit können wir am besten umgehen, wenn wir die Veränderung gar begrüßen und uns selbst stetig mitverändern.

Dies birgt Ängste und Unsicherheiten, aber wer Kooperationspartner hat, die einem beistehen, ist dem nicht alleine ausgesetzt. Aus meiner Sicht ist heute kein einzelner Mensch, aber auch kein einzelnes Unternehmen mehr in der Lage, die komplexen Wirtschaftsstrukturen, die immer schnelleren Veränderungen und die Vielzahl der gesellschaftlichen und politischen Strömungen im Auge zu behalten – geschweige denn zu berücksichtigen.
COVID-19 zeigt uns mehr als deutlich, dass es für alle Unternehmen um mehr geht als um Kostenreduktion und Gewinnoptimierung. Resilienz, Menschlichkeit, Umwelt- und Klimaschutz, Nachhaltigkeit, Gemeinwohl – all dies sind Faktoren, die unsere Zukunft maßgeblich prägen werden.

Wenn heute ein Wirtschaftszweig krankt, hat dies massive Auswirkungen auf andere Wirtschaftszweige. Über Löhne, Lieferantenketten und das Finanzsystem entsteht ein Kaskadeneffekt, der weitreichende Folgen haben kann.
Glücklicherweise funktioniert dies aber auch umgekehrt und darin liegt unsere größte Chance. Wenn wir anderen helfen, können wir davon indirekt wieder profitieren.

Ich möchte mehr eintreffende Chancen als eintreffende Risiken. Deshalb fokussiere ich mich auf die Chancen und nicht auf die Risiken. Aus der Psychologie ist bekannt: Wir bekommen mehr von dem, auf was wir uns fokussieren.
Wenn ich dies möchte, dann ändere ich meine Maxime weg von “Was habe ich davon?” hin zu “Was kann ich dazu beitragen?”.
Man spricht zwar immer von den “Selbstregulierungskräften des Marktes”, doch passiert hier keineswegs etwas “von alleine”. Das Handeln von Unternehmen ist dafür maßgeblich und notwendig. Das bedeutet aber auch, dass es die Unternehmen selbst in der Hand haben, etwas für die Zukunft aller zu tun.

Gemeinsam können wir neue Bedarfe schaffen und diese befriedigen.
Gemeinsam können wir besser auf unbekannte Situationen reagieren, seien es Krankheiten, Katastrophen oder Klimaveränderungen.
Gemeinsam können wir es schaffen, Wirtschaft und Menschlichkeit zu verbinden.

Ein Wirtschaftsverband wie der WIV ist, frei nach Henry Ford, ein Beginn. Ich möchte Sie aufrufen, gemeinsam mit mir, auch und gerade in diesen schwierigen Zeiten in Kontakt zu kommen und zu bleiben. Denn dann können wir für uns alle eine bessere Zukunft schaffen.

Mit besten Grüßen, bleiben Sie gesund.

Alexander Klein
codecentric AG
Leiter der Niederlassung Stuttgart


  1. Friedrich Dürrenmatt (1921 - 1990), schweizer Schriftsteller, Dramatiker und Maler 

  2. Helmut Bauer, Unternehmensberater 

  3. Wilbur Ross, Handelsminister der USA 

  4. walisischer Forscher im Bereich Wissensmanagement 

  5. Henry Ford (1863 - 1947), Gründer der Ford Motor Company 

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